Der Landbote, 27.02.2019

Natalie Rickli (SVP) hat schon zu vielen Exekutivämtern Nein gesagt. Der Regierungsrat soll es nun sein. Dass dieser Schritt perfekt in ihre Laufbahn passt, sei keine Strategie, sagt sie.

Man hat versucht, sie mit Dreck zu bewerfen. Vor der SVP-Delegiertenversammlung im September riet Natalie Ricklis parteiinterner Mitbewerber um die Regierungsratskandidatur per E-Mail zu zweifelhaften Fragen. Etwa zu Ricklis Zivilstand oder ob sie dem Amt gewachsen sei, nachdem sie ihr Burn-out vor sechs Jahren öffentlich gemacht hatte. Im medialen Aufruhr, der folgte, hüllte sich Rickli in vornehmes Schweigen. So kam sie – ohnehin schon Favoritin – noch glänzender zur Nomination.

Trumpf der SVP

Die 42-jährige Winterthurerin ist ein Trumpf für die SVP und spielt gekonnt auf der Klaviatur der Medien – ein Talent, das auch ihre Berufswahl beeinflusste. Die KV-Lehre machte Rickli bei der Agrargenossenschaft Fenaco. Die EWR-Abstimmung von 1992 und das landwirtschaftliche Umfeld bei Fenaco brachten sie zur SVP. Nach der Lehre arbeitete sie in Verlagen und Medienunternehmen. Zuletzt bei Goldbach Media, bevor sie sich vor einem Jahr als Kommunikationsberaterin selbstständig machte. Durch ihre telegenen Auftritte schon als Jungpolitikerin hat sie heute viele Medienanfragen und ist Stammgast bei «SonnTalk» auf TeleZüri – und entsprechend vielen Leuten bekannt. Auch bei Wahlen holt sie regelmässig Rekordresultate.

Im Winterthurer Café, wo das Gespräch stattfindet, grüssen sie die Leute. Sie dreht sich während des Gesprächs mehrfach um, wie in der Erwartung, wieder angesprochen zu werden. Bevor sie sich fokussiert und auf die Frage zurückkommt. Welche Gegenstände hat sie mitgebracht? Honig und Schokolade – entsprechend ihrem und Regierungsrat Ernst Stockers Slogan «Für Stadt und Land». Sprüngli-Pralinés von einem städtisch orientierten Unternehmen, das Zürich in die Welt hinaustrage, und Honig, den ihr Ruth Frei, Kantonsrätin und Bäuerin aus Wald, geschenkt habe. Dieser stehe für regionale Produkte von KMU und Bauern, die ebenso wichtig seien.

Unter Kontrolle

Natalie Rickli – die die Stadt im Slogan verkörpert – gilt als Gegenbeispiel zum Altherren- und Bauernimage der SVP. Dazu lacht sie nur: «Mittlerweile hat die SVP auch viele jüngere und urbane Mitglieder.» Obwohl sie zu den jüngsten Regierungsratskandidaten zählt, bringt sie viel politische Erfahrung mit. 2002 wurde Rickli in den Winterthurer Gemeinderat gewählt. Im Kantonsrat war sie nur ein paar Monate, bevor sie vor elf Jahren in den Nationalrat gewählt wurde. Dort gilt sie als jemand, der keine Spielchen spielt und sich nicht davor scheut, seine Meinung zu sagen. Einen Namen gemacht hat sie sich im Strafrecht und in der Medienpolitik. Sie kämpfte für härtere Strafen für Pädophile und gegen die Billag. Sie wurde auch schon «Zwei-Themen-Frau» genannt. «Ich fokussiere mich», sagt sie. Dort ist sie sattelfest. Sie hat sich detailliert eingelesen.

 

«Ich war sicher immer fleissig,
aber auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort.»
Natalie Rickli, Nationalrätin SVP

 

Sie gilt als Perfektionistin. Es stimme schon, dass sie gerne die Kontrolle habe und es möge, wenn es richtig laufe, sagt Rickli. Sie sei sich aber bewusst, dass sie in der Verwaltung nicht jedes Detail überprüfen könnte. Sie würde sich einen Überblick verschaffen, zuhören und kritische Fragen stellen. «Mit dem Alter und der Erfahrung bin ich gelassener geworden», sagt sie. Wo sie früher Schwarz-Weiss sah, sehe sie heute auch Graubereiche.

Das passt perfekt zur Arbeit einer Regierungsrätin. Sich in ein Thema einzuarbeiten, neue Ideen einzubringen und mitzugestalten, habe sie am Amt gereizt. Denn Rickli konnte auswählen. Immer wieder wurde sie für Exekutivämter angefragt. Sie habe kein Amt gezielt angestrebt. Das halte sie für falsch. Sie verteidigt das Milizsystem und betont, dass es ihr immer gefallen habe, zu arbeiten und zu politisieren.

Immer fleissig

Beim Regierungsrat habe nun alles gepasst. Strategie stecke keine dahinter. Auch nicht, dass sie nun als Selbstständige bei einer Wahl keine Stelle zu kündigen hätte: «Ich war sicher immer fleissig, aber auch oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort.»

Ihre Chancen auf das Amt sind sehr gut. Das weiss Rickli und nimmt ab Mai keine Termine mehr an: «Werde ich gewählt, hat die Arbeit im Regierungsrat und in der Direktion Priorität.» Sie weiss aber auch, dass sie trotz guter Prognosen Wähler mobilisieren muss. «Ich verbiege mich nicht, suche aber auch keine Konflikte.» Rechnet sie mit Stimmen von Wählern, die eine Frauenmehrheit im Regierungsrat wollen? Nein, sagt Rickli. Die Politik sei ausschlaggebend. «Daran würde sich nichts ändern, nur weil ich eine Frau bin.»

Mit der Kantonspolitik hat sich Rickli bisher kaum befasst. So klingen ihre Aussagen dazu noch vage. Das wird sich aber ändern. Sie ist bereits dabei, sich akribisch in die Dossiers der frei werdenden Bau- und Gesundheitsdirektion einzuarbeiten. (Zürcher Regionalzeitungen)