Natalie Rickli stellt sich bei der Selbstbestimmungsinitiative gegen den Zürcher Regierungsrat, für den sie kandidiert. Stimmen werde das keine kosten.

Tagesanzeiger, 24.10.2018

Tagesanzeiger: Sie wurden am 11. September mit fast fünfmal mehr Stimmen als Christian Lucek von der SVP nominiert. Haben Sie einen so klaren Sieg erwartet, nachdem Ihr Konkurrent Sie mit einem Mail angegriffen und sich damit disqualifiziert hatte?
Natalie Rickli: Nein, ich ging zwar davon aus, nominiert zu werden. Aber ich habe erwartet, dass es etwas knapper wird. Ohne das Mail hätte Christian Lucek sicher mehr Stimmen geholt.

Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?
Ja, er hat sich entschuldigt. Jetzt schauen wir vorwärts. Ich war gestern in der Kantonsratsfraktion zu Besuch, und da sind keine Ressentiments.

Sie haben in jener Zeit eine emotionale Achterbahnfahrt erlebt: Zuerst die glanzvolle Nomination, wenige Tage später starb Ihre Mutter. Wie haben Sie das alles verkraftet?
Meine Mutter war neun Jahre krank, wir haben sie begleitet und dabei schon einen Trauerprozess durchgemacht. Sie war bis am Schluss fröhlich, was mich extrem beeindruckt hat. Am Ende, glaube ich, hat es gestimmt – auch wenn es immer traurig ist, wenn die Mutter stirbt. Sie hat sich gefreut, dass sie meine Nomination noch erleben durfte. Und wir haben nachher sehr viel Anteilnahme gespürt.

Am 25. November wird über die Selbstbestimmungsinitiative abgestimmt. Was dominiert Ihren Zeitplan? Die für die SVP wichtige Abstimmung oder die Kandidatur?
Es sind die Vorbereitungen für die Kandidatur, neben dem Beruf und meinen Nationalratsdossiers. Ich bin daran, mein Komitee auf die Beine zu stellen, mich in kantonale Themen einzuarbeiten, mich auszutauschen mit Kantonsräten und Unternehmen. Für die Initiative bin ich deshalb wenig unterwegs.

Die Zeit ist das eine, Ihre Haltung zur Initiative das andere. Die Zürcher Regierung ist dagegen, Sie sind dafür.
Es ist völlig legitim, dass man als 30-Prozent-Partei Volksabstimmungen lanciert und Themen anregt. Bis zum 24. März bin ich Nationalrätin, und bis dann bin ich frei, mich zu äussern.

Sie nehmen sich nicht aus taktischen Gründen zurück?
Nein. Die Selbstbestimmungs­initiative ist wichtig, ich stehe voll dahinter. Es ist nicht meine Art, meine Meinung wegen des Wahlkampfs anzupassen.

Auch beim AHV-Steuer-Deal haben Sie eine andere Haltung als die Zürcher Regierung. Fürchten Sie nicht, dass Sie das Stimmen kosten könnte, gerade bei FDP und CVP?
Das glaube ich nicht. Ich habe mit beiden Parteien immer gut zusammengearbeitet. Im Kopräsidium für mein Wahlkomitee sitzen zwei FDPler, Stadtrat Filippo Leutenegger und Kantonsrat Dieter Kläy, sowie zwei CVPler, Kantonsrats-Fraktionschef Josef Wiederkehr und der Winterthurer Alt-Gemeinderat Matthias Baumberger. Ich habe ja auch gute Gründe, warum ich für die Selbstbestimmung und gegen den Steuerdeal bin. Was die Selbstbestimmung betrifft, ist es für mich eher problematisch, wenn der Regierungsrat Stellung bezieht zu Fragen, die den Kanton Zürich nicht ganz direkt betreffen. Bei der Steuervorlage verstehe ich das Engagement. In den übrigen Dossiers sollte der Regierungsrat zu nationalen Fragen keine Parolen fassen – das würde ich auch so einbringen.

Der Regierungsrat sagt, die Selbstbestimmungsinitiative gefährde unseren Wohlstand.
Die Wirtschaft ist auf Rechts­sicherheit angewiesen. Gerade die Steuervorlage zeigt auf, dass wir wegen internationaler Organisationen unsere Gesetze anpassen müssen. Das bringt Rechtsunsicherheit.

Warum sagten Sie Nein zum AHV-Steuer-Deal?
Für mich ist er ordnungspolitisch ein No-go. Er öffnet Tür und Tor für weitere Kombinationen, etwa Kampfjets und Vaterschaftsurlaub. Andererseits ist mir völlig klar, dass wir in Steuersachen eine Lösung für den Kanton Zürich brauchen. Ich habe zwar mit Überzeugung Nein gestimmt, engagiere mich aber nicht für das Referendum. Die Zürcher Wirtschaft will diese Lösung, obwohl sie nicht ganz sauber ist. Den Entscheid des Regierungsrats werde ich ab dem 24. März natürlich kollegial mittragen, sofern das Referendum überhaupt zustande kommt.

Der Wechsel wird heftig. Sie haben sich bisher nie gescheut, Ihre Meinung zu sagen.
Meine Leidenschaft für Politik bleibt, sie verschiebt sich einfach. Und man kann ja auch im ­Gremium seine Überzeugungen engagiert vertreten.

Sie waren schon als Kandidatin für den Regierungsrat, als Stadträtin von Winterthur und als Ständerätin im Gespräch, immer haben Sie abgesagt. Warum der Sinneswandel?
Es ist ein Privileg, wenn man für solche Ämter immer wieder genannt wird. Aber ich habe mich einfach zu jung gefühlt. Ausserdem konnte ich im Nationalrat gerade im Strafrecht einiges aufgleisen, was mir wichtig ist. Jetzt sagt mir mein Bauchgefühl, dass der Zeitpunkt passt, mich in den Dienst der Zürcher Bevölkerung zu stellen.